Städtische Galerie

Rolf Märkl, "Zeit der Fische", 1992

Das Reliefartige ist auch auf die Wahl des Materials zurückzuführen. Märkl verwendete hier alte Holzbalken. Schon lange vor Einführung des Denkmalschutzgesetzes setzte er sich – unter anderem als Mitbegründer des Rosenheimer Forums für Städtebau und Umweltfragen 1971 – für den Gebäudebestandsschutz ein. Wenn der Abriss unvermeidlich war, bewahrte Märkl manchen Balken auf. Dabei achtete er darauf, die Originalgröße nicht zu verändern und direkt mit dem bestehenden Holz und seiner Eigenart zu arbeiten.
Die Schriftstellerin Ruth Rehmann beschreibt den Weg zu einer Eichenbalken- Skulptur wie „Zeit der Fische“ in einem Text von 1996: „Einmal war der Balken ein Baum. Das ist lange her, Menschen haben ihn gefällt, zurechtgeschnitten, eingefügt, genagelt, verschraubt. Menschen lebten in dem Haus, das er trug und stützte, Generationen und Jahreszeiten gingen darüber hin, hinterließen Scharten, Schrunden, Narben, Löcher, Brüche. Nun liegt er im Garten des Künstlers herum, bis dieser ihn eines Tages anschaut und etwas sieht, was noch nicht ist.“
„Keine Idee“, sagt Rolf Märkl, jedenfalls nicht das Wortgebilde im Kopf, das man gemeinhin darunter verstehe. Zunächst nur die Frage: Wozu könnte er taugen, so wie er ist, nutzlos in der Wegwerfgesellschaft? Für Märkl ist dies ein Reiz, eine Lust, sich mit dem Balken einzulassen, seine Möglichkeiten zu erkunden und ans Licht zu bringen. Das noch frische Lindenholz, das gemeinhin zum Schnitzen benutzt wird, würde ihm für seine Arbeit nicht taugen. Märkl braucht die Härte, das in einer langen Lebensgeschichte gezeichnete Alter, um die Auseinandersetzung zu führen, die dem Eichenbalken eine neue Form gibt. Wie er einmal einem Haus Stabilität und Dauer verliehen hat, so leihe er nun seine Festigkeit, um der lärmenden Flucht menschlicher Existenz ein Zeichen entgegenzustellen, „einen Gegen-Stand.“
Den Titel erhielt das Kunstwerk, weil eines der beiden Hölzer wie ein Fisch aussah und der Künstler im Zeichen der Fische geboren ist. Er persönlich betont, dass ihm die Titelgebung nicht liegt, diese aber sinnvoll ist für die leichtere Zuordnung in Katalogen oder Ausstellungen. Das Kunstwerk wurde von der Städtischen Galerie Rosenheim aus einer Märkl- Ausstellung im Jahr 1993 erworben und stand ursprünglich im Galeriegarten. Der Aufstellungsort außerhalb der Mauer der städtischen Galerie ist zwar unauffälliger, aber dafür zugänglicher und aufgrund der Natürlichkeit und Vergänglichkeit sehr passend, da sich das verwitternde Holz gut in die natürliche Umgebung der Galerie einfügt.
Im Garten des fast 80 Jahre alten Elternhauses des Künstlers befinden sich ebenfalls zahlreiche Holz-, Stein- und Bronzestatuen, die über die Jahre an Patina gewinnen. Auch seine eigenen Zeichnungen und Plastiken sowie die Kunst geschätzter und befreundeter Künstlerkollegen sind in diesem Haus zu einer beeindruckenden Sammlung vereint, die es Wert wäre, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden.

Der Künstler:

Rolf Märkl, geboren 1931 in Rosenheim, lebt und arbeitet in Rosenheim. Ab 1945 Lehrzeit als Holzbildhauer in Rosenheim. Ab 1949 Lehrzeit als Steinbildhauer in München. 1952-1958 Akademie der Bildenden Künste München bei Toni Stadler und Heinrich Kirchner. 1958-1966 Kunsterzieher in Westfalen. Seit 1966 freischaffender Künstler in Rosenheim. 1986 Kulturpreis der Stadt Rosenheim.

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Rolf Märkl, "St. Sebastian", 1962

Die Legende des heiligen Sebastian erzählt, dass er sich als Hauptmann am kaiserlichen Hof zum christlichen Glauben bekannte und auf Befehl des Kaisers Diokletian durch Bogenschützen getötet werden sollte. Dank Gottes Schutz und seiner Glaubensstärke wurde er nur verletzt. Er gilt als Schutzpatron von Soldaten und Kriegsinvaliden. Die Plastik „St. Sebastian“ ist 1962 in Westfalen entstanden,in einer Zeit, in der es dem Künstler Rolf Märkl gerade nicht sehr gut ging. Gegossen wurde sie in Köln auf Kosten von Märkls damaliger Schule, dem Landschulheim Schloss Buldern, wo sie auch aufgestellt wurde. Der von Leid erfüllte heilige Sebastian, der flehend die Finger zum Himmel streckt, ist ein sogenanntes „pazifistisches Mahnmal“, wie sie nach dem Krieg häufig entstanden sind. Ursprünglich war diese Skulptur von Märkl tatsächlich als Kriegerdenkmal gedacht, diese Intention wurde allerdings abgelehnt. In den ersten Nachkriegsjahrzehnten wollten die Städte positive, keine mahnende Kunst im öffentlichen Raum ausstellen. Wer vor dieser Figur steht und sich auf ihre Aussage einlässt, wird ergriffen von der Ausdrucksstärke.
Die Bronzeplastik zeigt einen knienden Mann, der die Hände zum Himmel streckt und mit offenem Mund und schmerzerfülltem Gesicht zum Himmel schaut. Die Gestalt steht ganz in der Vertikalen. Ihr Gewicht ist nach unten verlagert. Die Arme und die gespreizten Finger in der Verlängerung strahlen nach oben weiter in Richtung Himmel. Sebastian ist gefesselt an den horizontalen Ast eines Baumes, der in der Reduzierung auf Stamm und Ast an einen Galgen erinnert. Die kontrastreichen Proportionen vom dünnen ausgemergelten Körper, bei dem jede Rippe sichtbar ist, zu den muskulösen, sehnigen Händen und Füßen, die betont groß sind, beinhalten eine Spannung, bei der der Schmerz bis in den letzten Millimeter des Körpers spürbar wird.
Der Kontrast zwischen Ausgemergeltheit und Größe lässt auf die Dimension des Leids, aber auch der inneren Stärke und des Glaubens schließen. Bei der Ausstellung vom Berufsverband bildender Künstler 1962 in der Maximilianstraße in München wurde die Plastik mit Erfolg aufgenommen. Rolf Märkl erhielt große Anerkennung für dieses Werk. 1994 kaufte die Stadt Rosenheim auf Vorschlag des Künstlers das Werk aus Westfalen. Die Hoffnung des Künstlers, dass es nun auch als Mahnmal im Zusammenhang mit Gedenkfeiern für im Krieg Gefallene Einsatz finden würde, erfüllte sich nicht.
Die Skulptur fand einen Platz an der Westseite der Städtischen Galerie an der Reichenbachstraße. Anhand von Fotos im Stadtarchiv Rosenheim ist zu erkennen, dass der „St. Sebastian“ 1997 auf dem betonierten Vorplatz des Archivs stand. Erst später wurde er einige Meter weiter vor die Mauer der Städtischen Galerie versetzt. Der jetzige Standort an der Westseite der Galerie erscheint sehr passend. Vor dem schlicht gehaltenen Gebäude kommt die Skulptur gut zur Geltung. Auch für das Gebäude selbst – die Galerie ist ein Pendant zur Naziarchitektur des Hauses der Kunst in München – ist die Form eines Antikriegsmahnmals eine sehr geeignete Wahl.
Wichtig ist, sowohl Kunst, die im Nationalsozialismus entstand, als auch Nachkriegskunst parallel auszustellen, um zwar einen Ausgleich zu schaffen, die Nazikunst aber nicht gänzlich auszublenden. Eine Einschränkung für diesen Aufstellungsort bedeutet allenfalls das gelegentliche Missverständnis auswärtiger Gäste, hier handele es sich um ein Mahnmal vor einer ehemaligen Täterstätte. Auch in den Augen des Künstlers ist die Aufstellung nicht ideal. Ein guter Standort wäre seiner Meinung nach – aufgrund der Namensverwandtschaft und der zentralen Lage – in direkter Nähe von St. Sebastian am Klosterweg. Wichtig für eine geeignete Platzierung sind eine gemauerte Wand, vor der die Skulptur aufgestellt werden kann, sowie eine adäquate Beleuchtung, die die Plastik in der Nacht durch den Schattenwurf in prominentes Licht rückt.
Dieses Kunstwerk zählt zu Märkls Frühwerk. Zur Figur des „St. Sebastian“ steht der Künstler noch heute. Das ist nicht selbstverständlich und spricht für die zeitlose Aussagekraft der Skulptur.

Der Künstler:

Rolf Märkl, geboren 1931 in Rosenheim, lebt und arbeitet in Rosenheim. Ab 1945 Lehrzeit als Holzbildhauer in Rosenheim. Ab 1949 Lehrzeit als Steinbildhauer in München. 1952-1958 Akademie der Bildenden Künste München bei Toni Stadler und Heinrich Kirchner. 1958-1966 Kunsterzieher in Westfalen. Seit 1966 freischaffender Künstler in Rosenheim. 1986 Kulturpreis der Stadt Rosenheim.

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Joachim Berthold, "Der Schreitende", 1974/75

Die Bronzefigur, „Der Schreitende“ wurde 1974/75 von Joachim Berthold entworfen. Es sieht so aus, als hätte die Gestalt einen Helm, Brust- und Schienbeinpanzer angelegt – Attribute, die ihr einen kriegerischen Charakter verleihen. Der Körper des „Schreitenden“ tritt aus einer festen Form heraus. Eines von Joachim Bertholds zentralen Themen, die Loslösung des Menschen aus der starren Form, ist hier deutlich erkennbar. Es ist aber kein freies Schreiten; der Schritt wirkt gehemmt, da der rechte Fuß noch nicht aus der Hülle befreit ist. In der Rückansicht wird deutlich, dass Berthold gern zwei Arten der Oberflächenbehandlungen kombinierte. Während die Vorderseite vorwiegend glatt ist, zeigt sich der Rücken rau und mit Fehlstellen, vergleichbar mit Narben.
Die Plastik ist ein Geschenk von Joachim Berthold an die Stadt Rosenheim – ein Geschenk mit kühnen Auflagen. Denn zur Bedingung machte der Künstler nicht nur die Aufstellung der Figur vor der Städtischen Galerie, sondern auch die Übernahme der Kosten für Guss, Transport und Aufstellung. Dieser Betrag von rund 25 000 Mark war zwar deutlich geringer als jene 40 000 Mark, die kurz zuvor für die durch die Stadt von Berthold angekauften „Bogenschützen“ investiert worden waren, aber immer noch doppelt so hoch wie der gesamte Jahresetat der Stadt in dieser Zeit für Ankäufe bildender Kunst (2011 stehen 20 000 Euro zur Verfügung, in den Vorjahren waren es jeweils rund     12 000 Euro). An der Finanzierung drohte die Aufstellung der Figur dann auch zu scheitern, bis die Gewinnausschüttung der Sparkasse dafür verwendet wurde. Gegen den Einspruch des Kunstvereins, der zumindest die Wahl des Standortes abzuwenden versuchte, wurde die Plastik 1977 aufgestellt. Für einen Platz unmittelbar vor der Städtischen Galerie, der bei einer Daueraufstellung unverhältnismäßig stark durch eine Plastik wie den drei Meter hohen „Schreitenden“ geprägt wird, so die Kunstvereinsleitung, hätte zumindest ein Wettbewerb ausgeschrieben werden müssen. Alternativ wurde angeregt, die Freiflächen vor der Galerie jeweils denjenigen Künstlern zur Verfügung zu stellen, die dort gerade mit einer Ausstellung zu Gast sind. Der aber vielleicht entscheidende kritische Aspekt der Aufstellung des „Schreitenden“ ist nicht der per „Geschenk“ erzwungene Paradeplatz, sondern vor allem seine Formgebung. Bei aller modernen Abstraktion verrät der „Schreitende“ von Berthold am ehesten die heroisch- monumentalen Züge seines Lehrers Josef Wackerle. Diese kriegerisch gepanzerte, athletisch voranschreitende Gestalt eines Mannes nun findet sich ausgerechnet neben dem sichtlich in der Formensprache der Nazizeit gehaltenen Galeriegebäude. Im Jahr 1937 nach einem Entwurf des von Hitler favorisierten Architekten German Bestelmayer errichtet, scheint der Bau, von Außenstehenden betrachtet, bewusst zusammen gedacht  mit der Plastik des Meisterschülers von Hitlers Vorzeigebildhauer. Als aktuelle künstlerische Visitenkarte für die Außenwirkung der Stadt bieten Bau und Kunstwerk damit eine denkbar unglückliche Kombination.
22 Jahre nach der Aufstellung wechselte die Plastik den Platz. Offizieller Anlass waren zunächst Renovierungsarbeiten am Galeriegebäude. Tatsächlich setzte sich in der Stadtverwaltung und im Stadtrat aber auch die Einsicht durch, dass die sehr exponierte Platzierung direkt vor der Galerie zu dem Fehlschluss führen könne, hier werde eine Dauerausstellung dieses Künstlers gezeigt. Heute steht der „Schreitende“ neben dem Gebäude, weiter hinten. Damit tritt er auch nicht mehr in Konkurrenz zu anderen Kunstwerken, mit denen die Galerie zeitweise für ihre Ausstellungen wirbt.
Rechtsanwalt Dr. Werner Scheuer war mit Joachim Berthold und dessen Familie befreundet. Er trat seinerzeit wegen der Auseinandersetzung um den „Schreitenden“ vom Amt des Zweiten Vorsitzenden des Kunstvereins Rosenheim zurück.
Der Bildhauer Joachim Berthold fühlte sich Rosenheim als der Stadt seiner väterlichen Familie in besonderer Weise verbunden: sein Vater, Karl Berthold, ein bedeutender Goldschmied, entstammte einer Rosenheimer Goldschmiedefamilie. Nicht alle Rosenheimer erwiderten freilich die Zuneigung des Künstlers. Während das Rathaus und weite Teile der Bürgerschaft die Stadt gerne mit den Werken des anderen Orts hoch angesehenen Künstlers von internationaler Bedeutung schmückten, fand Berthold in der lokalen Kunstszene weithin brüske Ablehnung. Dazu trugen wohl nicht nur der große internationale Erfolg des Bildhauers, sondern auch die uneingeschränkte Konzentration des Menschen Joachim Berthold auf sein Schaffen bei, die ihm den Ruf unnahbarer Arroganz einbrachten. Zum Höhepunkt der ablehnenden Auseinandersetzung kam es, als Berthold seiner Heimatstadt die Figur des Schreitenden in der ursprünglichen Fassung von 1975/76 zum Geschenk machte. Die Größe der damit verbundenen Aufwendungen sprengte die Vorstellungskraft. Schon damals fanden Bertholds Gegner im Klischee der Nähe der Skulptur zum Kunstverständnis des Nationalsozialismus ein billiges  Totschlagargument, mit dem auch die Städtische Galerie, die weithin als eine der schönsten „Provinzgalerien“ Bayerns gilt, diskreditiert werden soll.
Wer Bertholds Schreitenden darauf reduziert, hat nichts von dem Gesamtwerk des Künstlers und dessen Entwicklung verstanden. „Mit dieser Figur greift der Künstler das Motiv von Zeit und Bewegung im Raum auf. Der Schreitende ist nicht als Individuum, sondern als Symbol der voranschreiten Menschheit in ihrer Generationenabfolge zu verstehen, als Metapher des stets zu hinterfragenden Begriffs, Fortschritt‘.“ (Jule Hammer in Katalog zur Berliner Ausstellung 1980).

Der Künstler:

Der Bildhauer Joachim Berthold (geboren 1917 in Eisenach, gestorben 1990 in Oberaudorf) studierte 1936 bis 1941 Kunst an der Kölner Werkschule und schloss sein Studium an der Münchner Akademie als Meisterschüler von Joseph Wackerle ab. Nach Kriegsende lebte er mit seiner Familie in Oberaudorf, stellte seit 1960 seine figürlichen Plastiken bundesweit aus und erfuhr im Ausland, vor allem in den USA, große Wertschätzung. In Rosenheim stammen von ihm außerdem der „Justizbrunnen“ vor dem Amtsgericht, die „Bogenschützen“ vor der Luitpoldhalle, die „Verwandlung einer Kugel“ im Rathaus und ein „Menschenpaar“ im Klinikum.

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Josef Thorak, Aktfigur, 1937

Rosenheim – Die Aktfigur folgt dem klassizistischen Ideal seiner Zeit. Neu ist die Haltung. Die hinter dem Rücken locker übereinander gelegten Hände geben den Blick frei auf die Vorderseite des unbekleideten Körpers. Der gesenkte Kopf bei gleichzeitig festem, breitbeiniger Stand suggeriert die während der Nazizeit geschätzten vermeintlich weiblichen Tugenden Demut, Spannkraft und Stolz.
Die Modellierung verrät das dem Bronzeguss zu Grunde liegende Wachsmodell. Auf eine frühere Schaffensphase Thoraks aus der Zeit vor 1933 verweist noch die bewegte Oberfläche. Erst mit Beginn der Naziherrschaft hatte Thorak seine teilweise durchaus modernen Ansätze zu Gunsten eines glatten, pathetischen und heroisch- monumentalen Menschenbildes aufgegeben, das hier bereits anklingt. Für diese relativ unbekannte Plastik Thoraks schwankt die offizielle Datierung zwischen 1933 und 1935. Als Titel wird gelegentlich auch „Die Schöne nach dem Bade“ geführt und als Modell die tschechische Schauspielerin Anny Ondra genannt. 1933 hatte sie den Boxer Max Schmeling geheiratet, der als Nachbar Thoraks in Bad Saarow, nahe  Berlin, dem Bildhauer in diesen Jahren ebenfalls Modell stand, unter anderem für die Bronzeplastik „Faustkämpfer“ für das Reichssportfeld in Berlin.
Bei der Bronzefigur im Garten der Galerie gibt es eine Besonderheit: Die Galerie, das angrenzende Archiv und der Garten mitsamt der Figur sind als schützenswert in die Denkmalliste eingetragen. Inwieweit nationalsozialistische Kunst im öffentlichen Raum heute noch Platz finden sollte, wird aber immer wieder diskutiert. Obwohl es sich bei der Plastik im Rosenheimer Galeriegarten nicht unmittelbar um Propagandakunst handelt, spiegelt sie doch eindeutig die der Politik und ihren Vorlieben geschuldeten Aussagen eines Staatskünstlers. Nach Recherchen der Salzburger Historikerin Susanne Rolinek inspizierte Thorak als künstlerischer Berater der SS-eigenen Porzellanmanufaktur Allach auf dem Gelände des KZ Dachau persönlich die KZ-Häftlinge bei ihrer Arbeit in der Fabrik.
Auf Nachfrage von Teilnehmern des Seminars „Kunst am Bau“ im Fachbereich Innenarchitektur an der Hochschule Rosenheim äußerten sich Künstler, Kunsthistoriker, Galeristen und Kommunalpolitiker eher kritisch zum Umgang mit Thoraks Skulptur. Gemeinsam kamen die Beteiligten zu dem Ergebnis, zwar solle die Plastik, ebenso wie das Gebäude als Dokument von Kunst und Geschichte nicht ausgeklammert werden. Jedoch sei es notwendig, die Hintergründe ausreichend auf einer Informationstafel zu dokumentieren, um nicht den Eindruck zu erwecken, hier würden noch heute fragwürdige Ideale gepflegt.

Auch die Konfrontation mit einer von der Bildhauerin Marianne Lüdicke geschaffenen Mädchenfigur, so anschaulich diese auch bei gleichem Motiv eine künstlerische Gegenposition verkörpert, sollte dabei nicht unkommentiert bleiben.

Der Künstler:

Im Jahr 1889 in Wien als Sohn eines Töpfers und einer Buchbinderin geboren, erlernte Joseph Thorak in Bulgarien das Töpferhandwerk und studierte anschließend Bildhauerei in Wien und Berlin, wo er durch die Förderung des angesehenen Kunsthistorikers Wilhelm von Bode 1914 sein Studium als Meisterschüler abschloss. 1928 erhielt er den Staatspreis der Preußischen Akademie der Künste und heiratete seine zweite Frau Hilda Lubowski, eine Jüdin, von der er sich 1933 scheiden ließ. Während eines Türkeiaufenthaltes 1933-1935 schuf er unter anderem für Atatürk das Befreiungsdenkmal der Türken in Ankara.

Dank seiner Leidenschaft für Großplastiken wurde Thorak schnell zu einem der meist beschäftigten Propaganda-Künstler des Dritten Reiches. 1938 ließ Hitler seinen Architekten Albert Speer in Baldham bei Vaterstetten für Thorak ein Atelier bauen, in dem der Künstler Plastiken bis zu einer Höhe von 17 Metern herstellen konnte. 1935 stieß Thorak auf Widerstand in Berlin. Die Jury für die künstlerische Ausgestaltung des Reichssportfeldes mit Olympia- Stadion lehnte es ab, Werke des Österreichers zu berücksichtigen. Erst nach Hinweis aus der NSDAP, dass Hitler die Arbeiten des Bildhauers schätze, wurde die Haltung revidiert. Ab 1937 lehrte Thorak an der Münchner Akademie und wurde 1944 von Hitler unter den zwölf wichtigsten bildenden Künstlern des Regimes geführt. Nach Kriegsende in Deutschland mit Arbeitsund Verkaufsverbot belegt, erfreute er sich in Österreich zahlreicher Ausstellungen und Ehrungen. Allerdings gab es dort auch Proteste wegen der Vergangenheit Thoraks. So errichtete der Kapruner Künstler Anton Thuswaldner einen großen Trümmerhaufen als wütende Antwort darauf, dass in Salzburg Werke Thoraks stehen. Thorak starb 1952 auf Schloss Hartmannsberg bei Bad Endorf.

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Marianne Lüdicke, Mädchen, 1959

Mädchenfiguren nehmen eine Schlüsselrolle im Werk der Künstlerin ein ohne jedoch einer aktuellen Kunstströmung noch einem Idyll verhaftet zu sein. Das „Mädchen“ von Marianne Lüdicke steht im Garten der Städtischen Galerie. Ihre Liegeposition vermittelt auf spielerische Art eine gewisse Lockerheit ganz im Gegensatz zur Aktfigur von Josef Thorak.

 

Die Künstlerin:

Marianne Lüdicke wurde 1919 in Frankfurt/Main geboren, besuchte ab 1938 in München die Kunstschule Maxon und studierte von 1939 bis 1944 an der Akademie der Bildenden Künste bei Professor Richard Knecht Bildhauerei. Ab 1945 war sie selbstständig in Weisham bei Bernau am Chiemsee tätig. Schon ab 1949 in der Großen Ausstellung im Haus der Kunst München war sie mit ihren Arbeiten auch bundesweit in zahlreichen Ausstellungen und mit Kunst im öffentlichen Raum vertreten. Im Jahr 1980 wurde ihr der Seerosenpreis der Stadt München verliehen und 1999 der Kulturpreis des Landkreises Rosenheim.

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